Buh, das klitzekleine Angstmonster -
über die Entwicklung der Angst, und das daraus resultierende Vermeidungsverhalten - oder: Durchbrich den Teufelskreis!




„Buh!“, sagte das klitzekleine Angstmonster. „Buh!“, „Erschreck dich.“ Nur so zum Spaß. Das riesengroße Etwas guckte es an. „Buh!“, sagte das Angstmonster wieder.
Das riesengroße Etwas trat einen Schritt zurück. Merkwürdig sah es ja schon aus, obwohl es so klitzeklein war.
Das klitzekleine Angstmonster war rund, flauschig, hatte Kulleraugen und sah auch ansonsten eher komisch aus. Doch das riesengroße Etwas dachte bei sich: „Es ist viel kleiner als ich. Und trotzdem hat es den Mut, MICH zu erschrecken, vielleicht führt es etwas im Schilde.“ Und das riesengoße Etwas wechselte die Straßenseite und machte sich ein wenig kleiner. Es war jetzt nicht mehr riesengroß, sondern eher nur noch groß.
Das klitzekleine Angstmonster wunderte sich. „Ein so riesengroßes Etwas wechselt meinetwegen die Straßenseite?“ Und es war ganz schön stolz auf sich, und schwoll ein bisschen an. Es war jetzt nichtmehr klitzeklein, es war eher nur noch klein.
Am nächsten Tag traf das kleine Angstmonster das große Etwas wieder. „Buh!“, sagte es. Nur um zu sehen, was diesmal passieren würde. „Buh!“ Nichtmehr nur so zum Spaß. Das große Etwas erschrak. War das etwa das klitzekleine Angstmonster von gestern? Es sah auf einmal viel furchteinflößender aus. Und das große Etwas beschleunigte seinen Schritt, wechselte die Straße und verschwand schnell in seinem Haus. „Hoffentlich treffe ich es morgen nicht wieder.“, dachte es bei sich, und wurde schon mal vorsichtshalber ein bisschen kleiner.
Das kleine Angstmonster war sehr, sehr stolz auf sich. Es lachte höhnisch und schwoll auf eine recht stattliche Größe an. „So kann ich das Etwas noch viel besser erschrecken!“, kicherte es.
Am nächsten Tag traf das große Angstmonster das kleine Etwas wieder. Schon beim Anblick des Monsters schrumpfte das kleine Etwas zu einem klitzekleinen Etwas. Mit piepsiger, klitzekleiner Stimme fing es ganz fürchterlich an zu schreien und rannte so schnell es konnte nach Hause. Dort vernagelte es schnell alle Wege nach draußen und hoffte, das große Angstmonster würde es nicht finden. Es kauerte sich in sein Bett, und zog sich die Decke über den Kopf. „Hoffentlich kommt es morgen nicht wieder.“ Und es schrumpfte lieber vorsichtshalber noch ein kleines bisschen.
Am nächsten Tag wollte das große Angstmonster sehen, wie das klitzekleine Etwas heute reagierte. Aber das klitzekleine Etwas kam nicht. Traurig überlegte das große Angstmonster, was es jetzt tun könnte. Es war schließlich zum Erschrecken geboren. Und so kam es auf die Idee, das klitzekleine Etwas einfach zu Hause zu besuchen. Aber niemand machte auf, als es klingelte. Und es klingelte und klingelte, aber nichts rührte sich. Also fing es an, an den vernagelten Fenstern zu rütteln. Und je mehr es rüttelte, desto kleiner wurde das klitzekleine Etwas, und desto wütender wurde das große Angstmonster. Und es schwoll an, und wuchs, und wuchs, bis es fast in den Himmel ragte. Und es tobte und rüttelte an den Fenstern. „Besser ist es“, dachte sich das klitzekleine Etwas, „ich verschwinde unter dem Bett.“ Und es sprang schnell vom Bett auf den Fußboden. Aber es war mittlerweile so klein geworden, dass es in der Ritze zwischen zwei Fußbodendielen verschwand. Und da liegt es auch heute noch, während das riesengroße Angstmonster tobt und an den Fenstern rüttelt...


Copyright liegt bei weinenicht




Bitte höre was ich nicht sage!
Charles C. Finn




Bitte höre, was ich nicht sage! Laß Dich nicht von mir narren. Laß Dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache, denn ich trage Masken, Masken, die ich fürchte, abzulegen. Und keine davon bin ich. So tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Aber laß Dich dadurch nicht täuschen. Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles heiter in mir, und so als brauchte ich niemanden. Aber glaub mir nicht! Mein Äußeres mag sicher erscheinen, aber es ist meine Maske. Darunter bin ich, wie ich wirklich bin: verwirrt, in Furcht und allein. Aber ich verberge das. Ich möchte nicht, daß es jemand merkt. Beim bloßen Gedanken an meine Schwächen bekomme ich Panik und fürchte mich davor, mich anderen überhaupt auszusetzen.

Gerade deshalb erfinde ich verzweifelt Masken, hinter denen ich mich verbergen kann: eine lässige Fassade, die mir hilft, etwas vorzutäuschen, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde. Dabei wäre dieser Blick gerade meine Rettung. Und ich weiß es.

Wenn es jemand wäre, der mich annimmt und mich liebt... Das ist das einzige, das mir Sicherheit geben würde, die ich mir selbst nicht geben kann: daß ich wirklich etwas wert bin. Aber das sage ich Dir nicht. Ich wage es nicht. Ich habe Angst davor.

Ich habe Angst, daß Dein Blick nicht von Annahme und Liebe begleitet wird. Ich fürchte, Du wirst gering von mir denken und über mich lachen. Und Dein Lachen würde mich umbringen. Ich habe Angst, daß ich tief drinnen in mir nichts bin, nichts wert, und daß Du das siehst und mich abweisen wirst.

So spiele ich mein Spiel, mein verzweifeltes Spiel: eine sichere Fassade außen und ein zitterndes Kind innen. Ich rede daher im gängigen Ton oberflächlichen Geschwätzes. Ich erzähle Dir alles, was wirklich nichts ist, und nichts von alledem, was wirklich ist, was in mir schreit; deshalb laß Dich nicht täuschen von dem, was ich aus Gewohnheit rede.

Bitte höre sorgfältig hin und versuche zu hören, was ich nicht sage, was ich gerne sagen möchte, was ich aber nicht sagen kann. Ich verabscheue dieses Versteckspiel, das ich da aufführe. Es ist ein oberflächliches, unechtes Spiel. Ich möchte wirklich echt und spontan sein können, einfach ich selbst, aber Du mußt mir helfen. Du mußt Deine Hand ausstrecken, selbst wenn es gerade das letzte zu sein scheint, was ich mir wünsche. Nur Du kannst mich zum Leben rufen.

Jedesmal, wenn Du freundlich und gut bist und mir Mut machst, jedesmal, wenn Du zu verstehen suchst, weil Du Dich wirklich um mich sorgst, bekommt mein Herz Flügel, sehr kleine Flügel, sehr brüchige Schwingen, aber Flügel!

Dein Gespür und die Kraft Deines Verstehens, geben mir Leben. Ich möchte, daß Du das weißt. Ich möchte, daß Du weißt, wie wichtig Du für mich bist, wie sehr Du aus mir den Menschen machen kannst, der ich wirklich bin, wenn Du willst.

Bitte, ich wünschte Du wolltest es. Du allein kannst die Wand niederreißen, hinter der ich zittere, Du allein kannst mir die Maske abnehmen. Du allein kannst mich aus meiner Schattenwelt, aus Angst und Unsicherheit befreien, aus meiner Einsamkeit.

Übersieh mich nicht. Bitte übergeh mich nicht! Es wird nicht leicht für Dich sein. Die langandauernde Überzeugung, wertlos zu sein, schafft dicke Mauern. Je näher Du mir kommst, desto blinder schlage ich zurück. Ich wehre mich gegen das, wonach ich schreie. Aber man hat mir gesagt, daß Liebe stärker sei als jeder Schutzwall und darauf hoffe ich.

Wer ich bin, willst Du wissen? Ich bin jemand, den Du sehr gut kennst und der Dir oft begegnet.

Charles C. Finn.
Please Hear What I Am Not Saying. September 1966.
Dt. Version Tobias Brocher: Bitte höre was ich nicht sage!

Aus: Tobias Brocher: Von der Schwierigkeit zu lieben, Maßstäbe des Menschlichen. Band 8/1975 Kreuz Verlag Stuttgart und Berlin. (Out of print) Wiedergegeben in Heinz Körner: Johannes. Seiten 84-86.
© 1978 lucy körner verlag, ISBN 3-922028-00-4.
"Bitte höre, was ich nicht sage" stammt nicht von Tobias Brocher selbst, sondern wurde ihm von einem unbekannten Studenten überreicht.